Richter: Warum sollten die per se klüger sein als andere Kunstinteressierte? Sie haben nur das schwierige Los, sofort formulieren zu müssen, was die Bilder meinen. Da kommt es dann zu Behauptungen wie der, dass es sich bei meinen Gemälden um Malerei Über Malerei handelt, dass das also gemalte Konzeptkunst sei, distanziertes Virtuosentum, Verweigerung, Verschleierung und was weiß ich.
Why should [the critics] be cleverer, per se, than others interested in art? They only have the difficult lot of needing to immediately formulate what the pictures mean. Then you get assertions such as, for instance, that my work is painting about painting, i.e. painted Conceptual Art, distanced virtuosity, denial, blur/deception/veiling [Verschleierung] and whatnot.
SPIEGEL: Das sind Begriffe, mit denen Ihre Kunst seit 30, 40 Jahren beschrieben wird. Alles falsch?
Those are concepts with which your art has been described for 30 or 40 years. All false?
Richter: Ja. Denn die Sache ist viel einfacher, meine Bilder sind viel mitteilsamer als die der meisten meiner Kollegen. Ich verschleiere doch kaum etwas. Im Gegenteil: Mir ist das fast peinlich, dass ich mich, mein Leben in den Bildern so ablesbar zeige.
Yes. The thing is much simpler; my pictures are much more communicative/expansive than those of most of my colleagues. I obscure/disguise/blur scarcely anything. On the contrary: for me it's almost painful, that my life is so legibly displayed in my paintings.
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Richter: Diese Art der Berichterstattung führt von den Bildern weg, da wird ein ganz anderer Bedarf gedeckt, der nach Klatsch. Ich kann das auch verstehen. Wenn ich beim Zahnarzt in der "Bunten" blättere, unterhält mich Klatsch ja auch. Zum Werkverständnis können biografische Details nur bedingt beitragen, und natürlich muss man erst einmal das Bild kennen. Man glaubt halt gern, dass man Francis Bacons Bilder deshalb so viel besser versteht, weil man erfahren hat, dass er schwul ist.
This type of reportage leads away from the pictures; it supplies another need, that for gossip. I can understand that too. If I'm at the dentist leafing through the tabloids, gossip entertains me too. For understanding the work, biographical details can only conditionally help, and naturally must one first be familiar with the picture. One would gladly hold to the belief [?] that one understands Francis Bacon's paintings so much better, because one has found out that he is gay.*
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SPIEGEL: War das schwierige Verhältnis zu Ihren Eltern ein Grund dafür, 1961 in Ost-Berlin in die S-Bahn zu steigen und in den Westen zu fliehen?
Was that difficult relationship with your parents a reason for getting on the S-Bahn in East Berlin in 1961 and fleeing to the West?
Richter: Nein, mit den Eltern hatte das nichts zu tun, dann schon eher mit den Schwiegereltern, die bereits im Westen wohnten und so den Übergang etwas erleichterten. Aber das Abbrechen von allen vertrauten Bindungen, freundschaftlichen, beruflichen, das war für mich ausgesprochen hart. Und es gab nur einen Grund dafür: diesen alles erstickenden Staat.
No, that had nothing to do with the parents, rather with the parents-in-law, who already lived in the West and so eased the transition somewhat. But the breaking off of all intimate relationships -- friendship, professional -- that was a pronounced hardship. And there was only one reason for that: this all-asphyxiating State.
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SPIEGEL: Im Westen wurden Sie dann 1966 zum ersten Mal selbst Vater. Bringt einen diese Erfahrung den eigenen Eltern näher?
In the West in 1966 you became a father for the first time yourself. Did this bring you closer to the experience of your own parents[??]?
Richter: Das kann ich gar nicht sagen. In den späten sechziger Jahren hatte doch die ganze Gesellschaft wenig Sinn für Familie und für Väter schon gar keinen. Zurückblickend empfinde ich das Gehabe der Progressiven in den sechziger und siebziger Jahren nur als lächerlich; trunken von haltlosen Illusionen über Wohlstand und Gesellschafts-veränderung war man doch mit der Betonung des Antiautoritären nur fahrlässig. Man hat die Kinder sich selbst überlassen. Ich war nicht viel besser, hatte nur mehr Skrupel. In meinem viel später gemalten Bild meiner Tochter Betty, die ihr Gesicht abwendet, mag etwas von der Trauer darüber anklingen.
That I can't say at all. In the late '60s the whole society had little sense for family and for fathers, none at all. Looking back, I feel the affectations of the progressives in the '60s and '70s to be only laughable; drunk on untenable illusions about affluence and social change, the emphasis of the anti-authoritarians was just negligent. One left the kids to themselves. I wasn't much better, I only had more scruples. I wanted something of this grief to resonate in my picture, painted much later, of my daughter Betty in which her face is averted.
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SPIEGEL: Sie hatten Probleme mit dem Vater - und deshalb auch Probleme mit dem eigenen Vaterdasein?
You had problems with the father - and for that reason also problems with being a father yourself?
Richter: So erging es einer ganzen Generation. Ich hatte, wie viele in meinem Alter, die Erfahrung eines vorbildhaften Vaters nie gehabt. Die meisten unserer Väter waren lange im Krieg und kamen entweder gar nicht zurück oder als Beschädigte und Gebrochene und als Schuldige. Diese Problematik einer vatergeschädigten Generation setzt sich bis heute fort. Der Terrorismus hatte vielleicht deshalb in diesem Land eine andere Form als andernorts. Er war hier in den siebziger Jahren auch mehr ein Ausdruck der Ablehnung der Väter, die eben in jeder Hinsicht versagt hatten.
So fared a whole generation. I, like many in my age, didn't have the experience of an exemplary/paradigmatic father. Most of our fathers were at war for a long time and either didn't come back at all, or as damaged/injured and broken, and as guilty. This problematic, of a father-impaired generation, I pursue to this day. Perhaps this is why terrorism had a different form in this country as in others. It was here in the 1970s more an expression of refusal/denial/rejection of the fathers, who had failed in every respect.
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SPIEGEL: Gerade von Beuys unterscheiden Sie sich diametral. Beuys stand für eine provokante Anti-Ästhetik. Ihre Bilder aber, ob abstrakt oder gegenständlich, feiern trotz der oft heiklen Motive die Schönheit.
You differentiate yourself diametrically from Beuys. He stood for a provocative anti-aesthetic. However, your pictures, whether abstract or representational, revel, in spite of their often subtle motifs, in beauty.
Richter: Es ist schwierig mit der Schönheit, wir sind uns nicht mehr einig, was darunter zu verstehen sein sollte. Sicher liegt es auch daran, dass der Begriff Schönheit so abgedroschen ist oder klingt. So wie "das Gute" und "das Wahre". Aber das ändert nichts am Wert solcher idealen Eigenschaften und daran, dass die Menschen Schönheit brauchen. Für mich war Schönheit immer ein Kriterium für die Qualität von Kunstwerken, gleich welcher Art und aus welcher Zeit.
It's difficult with beauty; we are no longer in agreement what should be understood by the term. Surely it's also owing to the fact that the concept of beauty is or appears so often ranted/canted[??]. Also with Goodness and Truth. But that doesn't change the value of such ideal properties, and that people need beauty. For me beauty was always a criterion for the value of artworks, of whatever sort and from whatever period.
* Cf. Lee Siegel's statement that "You cannot fully understand Cy Twombly's art unless you know that he is gay," in Slate, vigorously denounced by Tyler Green.